Palauet Casades

Palauet Casades 19.03 (1)Der Palauet Casades befindet sich im Eixample in der Carrer Mallorca an der Ruta del Modernisme und stellt ein weiteres verstecktes Kleinod der Periode des Modernisme in Barcelona dar, dass so gut wie nicht bekannt ist.

Es handelte sich beim Palauet um den ehemaligen Wohnsitz der Familie Casades. Im Jahr 1882 erteilte der Textilindustrielle Pau Casades i Espoy dem Architekten Antoni Serra i Pujals den Auftrag zu einem Einfamilienhaus nahe des Camps d´Elisi, dem Vergnügungsort des Bürgertums am Passeig de Gràcia. Im Gegensatz zu vielen anderen reichen Familien des barcelonesischen Bürgertums zu dieser Zeit ließ sich die Familie kein Haus errichten, in dem die untere Etage von der Familie bewohnt und die oberen an weitere Familien vermietet wurden, sondern sie ließ sich einen Palast errichten, der um einen überdachten, aus Marmorsäulen bestehenden Innenhof herum angerichtet wurde, der als Empfangssaal für Gäste diente und von wo aus man sowohl in die Besucherzimmer als auch in den Privatbereich der Familie gelangte. Der untere Bereich beherbergte neben den Arbeitsräumen des Hausherrn und der hauseigenen Kapelle den Speisesaal, die Küche und einen Aufenthaltsraum. In den oberen Bereich gelangt man über die imperiale Treppe, wo sich ausschließlich die Privatgemächer der Familie befanden.

Palauet Casades 19.03 (55)Die obere Empore wird von 11 Bildern geschmückt, die die Jahreszeiten repräsentieren. Es sind nur 11 Bilder, da sich der Monat Juni mit dem Monat Juli ein Bild teilt. Die Monate werden von Menschen repräsentiert, die jeweils ein Symbol des Monats mit sich führen. So wird zum Beispiel der Februar mit einer Karnevalsmaske und der September mit Weintrauben dargestellt.

Mit seinem Bau wurde 1883 begonnen und fertig gestellt werden konnte der Palast bereits 1885. Bis 1923 bewohnte die Familie Casades das Anwesen, bis das Il.lustre Col.legi d´Advocats an sie heran trat und das Gebäude kaufen wollte. Das Col.legi ist der Dachverband der Anwälte Kataloniens und kann auf mehr als 700 Jahre Geschichte zurückblicken. Es hatte im Laufe seiner Geschichte verschiedene Sitze in der Stadt, doch war es auf der Suche nach etwas langfristigerem. Das Col.legi bewohnte in den 1920er Jahren die Casa d´ Arcadia neben der Kathedrale. Aber man benötigte ein größeres und auch moderneres Gebäude. Daher trat man bei der Suche nach neuen Räumlichkeiten an die Familie Casades heran und kaufte schließlich das Gebäude. Ein Jahr später, 1924, zog das Col.legi ein.

Palauet Casades 19.03 (65)Man erhielt zunächst das Interieur des Palasts ohne es groß zu verändern. Zwar wurden die Räume anders genutzt, aber erst in den 1950er Jahren kam es zu einer Erweiterung des Gebäudes. Seine eigentliche Hauptfassade ist daher nicht die Eckfassade mit den beiden Brunnen, sondern die zum Palau del Govern hin, da dies der ältere Teil des Gebäudes ist. Die Eckfassade mit dem Gebäude wurde erst 1953 errichtet, wobei jedoch der Stil des ursprünglichen Gebäudes von 1883 beibehalten wurde, um ein einheitliches Bild zu erreichen. Das alte Hauptgebäude wurde in diesem Zuge auch einer Renovierung unterzogen. Zwar wurde der Innenhof und die imperiale Treppe geschont. Aber die Zimmer wurden der neuen Nutzung angepasst, wodurch der Speisesaal verschwand und zu einem Arbeitszimmer wurde und die Privatgemächer wie das Schlafzimmer wurden Konferenzsäle und Aufenthaltsräume. Einzig und allein die Deckengemälde, die Tapeten und die Stuckarbeiten legen in diesen Bereichen noch Zeugnis der früheren Besitzer ab.

Die vier Figuren, die sich auf dem Dach des Anbaus erheben, stellen vier wichtige Persönlichkeiten dar, die alle einen Bezug zur Juristerei aufweisen. Es handelt sich hierbei um:

  • Den kastilischen König Alfonso X., der ein Rechtsbuch verfasste, das die mittelalterliche Rechtsprechung in Kastilien vereinheitlichte.
  • Sant Iu, den Schutzpatron der Anwälte.
  • Sant Ramon de Penyafort, einen gelehrten Kirchenmann und Ratgeber des katalanisch-aragonesischen Königs Jaume I., der wichtige Bücher über das kanonische Recht verfasste und Schutzpatron des Col.legi d´Advocats ist. Sein Bildnis findet sich auch immer wieder im Inneren des Gebäudes.
  • Ramon Berenguer IV., der durch Eheschließungen, Verhandlungen und Verträge das katalanische Territorium nicht nur bewahren, sondern ausweiten konnte.

Palauet Casades 19.03 (6)Das neuerrichtete Eckgebäude beherbergt neben Büros auch die Privatbibliothek des Col.legi. Sie gilt als eine der größten Privatbibliotheken zu Rechts- und Sozialthemen europaweit. Die Bibliothek des Col.legi hat mehr als 300.000 Bücher in ihrem Fundus, die teils in der Bibliothek selbst, teils im Depot aufbewahrt werden. Darunter befinden sich viele Manuskripte aus dem Mittelalter wie z.B. ein Exemplar der Usatges de Barcelona aus dem 14. Jahrhundert. Dies stellte die erste Gesetzessammlung Kataloniens dar, mit deren Hilfe die katalanisch-aragonesischen Könige die Gesetzgebung in ihrem Einflussgebiet vereinheitlichten. Dass die Bücher den Spanischen Bürgerkrieg überstanden haben, ist dem damaligen Bibliothekar Gil Valls zu verdanken, der dafür Sorge trug, dass der gesamte Fundus in die Keller gebracht wurde, als Barcelona unter den Bombenangriffen der italienischen Luftwaffe zu leiden hatte. Als Dank für seinen Einsatz während der Republik wurde Gil Valls nach dem Krieg von den Franquisten erschossen.

Palauet Casades 19.03 (41)Der Fundus der Bibliothek hatte mehr als ein Buch in seinen Reihen, das von der Zensur der franquistischen Diktatur eigentlich nicht geduldet wurde. Um die Zensur zu umgehen und die Bücher behalten zu dürfen, wurden in diese Stempel mit „Arriba España“, hoch lebe Spanien, dem Motto der Franquisten eingefügt, wodurch sie vor der Beschlagnahmung und der damit verbundenen, eventuellen Zerstörung bewahrt werden konnten. Es war daher auch kein Zufall, dass sich im Col.legi die Widerstandsbewegung der barcelonesischen Anwälte gegen die Diktatur traf. Am Aufgang der imperialen Treppe erinnert eine Plakette an diesen Widerstand. Diese Plakette wurde erst in den 1990er Jahren dort aufgehangen. Bis dahin erinnerte eine andere an die Anwälte, die für Gott und Vaterland, also für die Diktatur, ihr Leben gelassen hatten.

Zu besichtigen ist der Palast nur mit einer Führung, die einmal im Monat in katalanischer Sprache abgehalten wird.

 

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