Castellers – die menschlichen Türme

???????????????????????????????Eine der beeindruckendsten Traditionen, die man in Katalonien mindestens einmal unbedingt gesehen haben muss, sind die castells der castellers. „Castell“ bedeutet Burg und als „casteller“ werden die Personen bezeichnet, die das castell errichten. Beim Bau eines castells klettern die Personen auf die Schultern ihrer Kameraden und schrauben die Struktur in die Höhe. Die Tradition der menschlichen Türmchenbauer, der castellers, ist seit mehr als 200 Jahren dokumentiert. Da sich ihr Ursprung jedoch in den undokumentierten Weiten der Geschichte verliert, kann sie auch älter sein. Man geht davon aus, dass sich die castells aus einem Tanz heraus entwickelt haben, da sich in der Region von Catalunya Nova bis heute einige Tänze erhalten haben, die Elemente beinhalten, wobei einer der Tänzer auf die Schultern des anderen steigt. Der Name „castell“  ist jedoch erst seit den 1890ern in Gebrauch.

???????????????????????????????Entstanden sind die castellers im geographischen Dreieck zwischen Valls, Tarragona und Vilafranca del Penedés. Das erste Mal erwähnt wird ein castell 1770. Es wurde in Arboç del Penedés errichtet und hatte bereits zu dieser Zeit sechs Ebenen. Die erste professionelle colla, also ein Verein, wurde 1801 in Valls geründet. 1815 gab es bereits genug Personen in diesem Dorf, so dass sich zwei colles halten konnten. Es gab die Colla del Pagesos (Bauern) und die Colla dels Menestrals (Handwerker), die gegeneinander antraten. Die Rivalität schraubte schon damals den Anspruch an das castell hoch und bereits 1819 kam es zur Errichtung eines castells mit 8 Ebenen. Noch heute kommen aus diesem Dorf die Xiquets de Valls, die berühmt sind für ihre gewagten Strukturen und zu den besten colles des Landes zählen.

???????????????????????????????Das höchste gebildete castell bestand bisher aus 10 Ebenen. Mit Sicherheit sind mehr Ebenen möglich, aber zur Bildung eines 10 Ebenen hohen castells werden 700 Menschen benötigt. Es ist also eine logistische Meisterleistung. Und man darf das Gewicht nicht vergessen, das auf den Schultern der Menschen lastet.

Um die Struktur und den Aufbau eines castells zu verstehen, muss man einige Grundbegriffe kennen:

Pinya: pinya bedeutet Zapfen. Eine pinya bildet die Basis des castells und beinhaltet die meisten Personen. Es kann vorkommen, dass die Zuschauer dazu herangeholt werden, bei der pinya mitzuhelfen. Die pinya stützt die baixos und dämpft den Fall der oberen Ebenen, sollte das castell zusammenbrechen.

Baixos: Die baixos sind die Personen, die die Hauptlast der oberen Ebenen tragen werden. Auf ihren Schultern schraubt sich das castell in die Höhe. Sie verschwinden in der Mitte der pinya. Die Anzahl der baixos legt die Struktur des castell fest.

Tronc: Als Stamm bezeichnet man die unteren Ebenen, die dieselbe Anzahl von Personen aufweisen. Dazu zählten auch die Personen, die die baixos bilden.

Pom de Dalt: Die Kuppel besteht aus den jüngsten und damit leichtesten Mitgliedern der colla.

Aixecador: Der Träger schließt mit der Enxeneta das castell ab. Er ist meist das kleinste Mitglied der colla.

Enxeneta: Das Eichhörnchen steht an oberster Stelle. Sie schließt das castell ab und reckt den Arm in die Höhe als Zeichen der Vollendung und signalisiert dadurch den Abbau.

 

Castellers (2)Es herrscht eine starke Konkurrenz unter den verschiedenen colles und es ist ein Sport mit Wettbewerben. Es treten immer mehrere colles bei einer Veranstaltung auf. Für Aufbau, Struktur und Abbau gibt es Punkt. Bei einem Wettbewerb gilt das castell als komplett abgebaut, wenn wirklich alle Ebenen wieder auf der Erde sind und sich die pinya auflöst. Nur dann erhält die colla die volle Punktzahl. Sollte das castell vor dem Abbau, aber nach dem Handzeichen der Enxeneta zusammenstürzen, gibt es zwar Punktabzug, aber nur einen sehr geringen. Keine Punkte gibt es bei einem Zusammensturz vor dem Handzeichen, dabei spielt es keine Rolle, wie weit fortgeschritten der Aufbau bereits war, oder sollte es zu einem Abbruch kommen.

Während des Aufbaus eines castells schweigt die Menge für gewöhnlich, um die castellers nicht in ihrer Konzentration zu stören. Der Jubel bricht los, wenn die Enxeneta ihren Arm in die Höhe reckt.

Vorher geht nur ein leichtes Raunen durch die Menge, in dem meist ehrfürchtig ein „4de9“, „Pde5“ oder „4de7a“ von Mund zu Mund geht. Für einen Außenstehenden sind das erst einmal böhmische Dörfer. Mit diesen Abkürzungen wird die Struktur des castells betitelt.

Castellers (1)???????????????????????????????Die Ziffern lesen sich wie folgt: Die erste Zahl steht für die Anzahl der Personen pro Ebenem die zweite für die Anzahl der Ebenen. So steht ein „4de9“ für ein castell aus neun Ebenen mit vier castellers pro Ebene. Besteht das castell aus einem casteller pro Ebene, spricht man von „pilar“ (Säule). So ist ein „Pde5“ ein castell mit fünf Ebenen und einer Person pro Ebene. Ein „4de7a“ besteht aus vier castellers pro Ebene auf neun Ebenen und hat in der Mitte des Kreises aus vier castellers noch eine „agulla“, eine Nadel. Dies bedeutet, dass wenn der Viererturm des castells abgebaut wird, eine Säule aus einer Anzahl an Menschen stehen bleibt, mit deren Abbau erst begonnen wird, wenn die Ummantelung der „4de9“ vollständig abgebaut ist. Bei sehr großen castells werden auf der zweiten und dritten Ebene noch Stützringe eingebaut, um einen besseren Halt zu gewährleisten. Ein Stützring auf der zweiten Ebene wird als „folre“ (Füllung) bezeichnet, ein zusätzlicher auf der dritten Ebene als „manilles“ (Ringe).

In den meisten Fällen wird das castell ohne Vorkommnisse auf- und wieder abgebaut. Gelegentlich kommt es aber doch einmal vor, dass ein castell einstürzt und die castellers einige Meter in die Tiefe fallen, so dass es zu Stauchungen, Platzwunden oder Knochenbrüchen kommen kann. In den 200 Jahren der gesamten dokumentierten Geschichte der castellers kam es jedoch Gott sei Dank nur zu drei Todesfällen: Einer im 19. Jahrhundert, der zweite 1983 und der letzte 2006. Und hoffentlich bleibt es auch bei dieser Zahl.

???????????????????????????????Erst seit den 1980er Jahren nehmen auch Frauen teil. Bis zu diesem Zeitpunkt war es eine reine Männerangelegenheit. Die Enxeneta ausgenommen. Die Spitze wurde schon immer durch ein kleines Mädchen gebildet.

Das Motto der castellers lautet „força, equilibri, valor i seny“, Stärke, Gleichgewicht, Mut und Verstand, alles Eigenschaften die ein casteller mit sich bringen sollte, wenn er sich in die pinya einreiht.

Die castellers gelten als Symbol des Katalanentums. Die pinya, der Unterbau, steht dabei für den Zusammenhalt der Katalanen und dass man nur gemeinsam etwas erreichen kann. Und die Werte wie seny, esforç, valor i afany de superació, Verstand, Einsatz, Mut und der Wille, über sich hinauszuwachsen, gelten als Eigenschaften der Katalanen. „Fer pinya“ wird gerne im Katalanischen als Sprichwort gebraucht, wenn man etwas gemeinsam in Angriff nehmen und als Team arbeiten muss.

???????????????????????????????Die Tradition ist nahezu ausschließlich ein auf Katalonien begrenztes Ereignis. Zwar gibt es mittlerweile auch zwei Colles auf den Balearen, aber diese entstanden in den letzten Jahren und haben daher noch keine lange Tradition. Aufgrund dieser Einzigartigkeit wurden die castellers 2010 in den Katalog des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Es gibt regelmäßig die Möglichkeit, eine diada castellera mitzuerleben. Es gibt kaum eine festa major, an der keine castellers teilnehmen und ihre kunstvollen Türme aufbauen.

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