Enriqueta Martí – la vampiresa de Raval

Die heutige Carrer Joaquín Costa hieß zu Beginn des 20. Jahrhunderts Carrer Ponent. Hier, in dieser unscheinbaren Straße unter der Hausnummer 29, spielte sich eine unglaubliche Geschichte ab.

Das Ambiente im Raval zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist düster. Es gibt kaum Beleuchtung und wer sich in die Tiefen des Ravals begibt, führt normalerweise nichts Gutes im Schilde. Wir befinden uns im Jahr 1912 und im Raval verschwinden seit einiger Zeit immer wieder Kinder, vor allem Kinder von Prostituierten. Es geht das Gerücht um, dass sie jemand entführen würde, um sie für Rituale zu missbrauchen und sie dafür zu töten. Doch niemand geht diesen Gerüchten nach, denn wen kümmern schon die verschwundenen Kinder von Prostituierten. Nur in den seltensten Fällen wird das Verschwinden überhaupt angezeigt, da ihre Mütter kein Vertrauen in die zuständigen Behörden haben und im Gegenteil sogar Repressalien für sich fürchteten, wenn sie das Verschwinden ihres Kindes anzeigen würden. Die Behörden schenkten niemandem Glauben. Für sie waren es Hirngespinste der Bewohner des Ravals.

Dies änderte sich jedoch, als ein kleines Mädchen namens Teresita Guitart Congost spurlos verschwand, die Tochter eines Dienstmädchens. Zwei Wochen wurde nach diesem Mädchen intensiv gesucht. Der Druck der Bevölkerung auf die Behörden nahm zu, da man nach und nach die Gerüchte verknüpfte und sich die Angst der Prostituierten um ihre Kinder auf die Bürger übertrug und schnell in Barcelona ausbreitete. Nur durch einen Zufall wurde das Mädchen schließlich gefunden und dadurch einer der größten Skandale der Stadtgeschichte aufgedeckt. Einen Hinweis bekam die Polizei von einer Frau, die am Fenster der Wohnung ihrer Nachbarin, die offiziell keine Kinder hatte, ein kleines Mädchen mit geschorenem Kopf stehen sah. Das Mädchen spielte mit einem weiteren Kind. Als die Nachbarin am Fenster erschien, um die Kinder in die Wohnung zurück zu scheuchen, fragte die Frau, ob dass ihre Kinder seien. Diese Frage beantwortete die Nachbarin gar nicht, sondern schloss nur das Fenster. Dieses Verhalten kam der Frau sehr verdächtig vor und sie besprach sich mit einem befreundeten Händler. Dieser meldete die Vorkommnisse der Polizei, woraufhin diese dem Hinweis nachging und eine Streife vorbeischickte. Da sie nicht wussten, wie sie in die Wohnung gelangen sollten, dachten sich die Polizisten eine fiktive Anzeige wegen Hühnerhaltung in der Wohnung aus, was in Barcelona strikt verboten war. Widerstandlos führte die Nachbarin die Polizisten in ihre Wohnung, wo sie zwei Mädchen vorfanden. Auf die Frage der Polizisten, wie die beiden Mädchen hießen, antwortete eines der beiden: „Hier nennt man mich Felicidad, aber eigentlich heiße ich Teresita.“ Nachdem die Identität auf dem Revier bestätigt wurde und das eine Mädchen sich wirklich als die gesuchte Teresita herausstellte, wurde die Nachbarin festgenommen. Die Identität des zweiten Mädchens konnte zunächst nicht geklärt werden. Sie nannte sich selber Angelita. Der Name der Nachbarin: Enriqueta Marti. Heute besser bekannt unter dem Namen „Vampiresa del Raval“.

Enriqueta MartiWer war Enriqueta Marti und warum bekam sie diesen Beinamen? Enriqueta stammte aus Sant Feliu de Llobregat und begann schon nach kurzer Zeit als Dienstmädchen in Barcelona dem Gewerbe der Prostitution nachzugehen, sowohl im Bordell als auch freischaffend am Hafen oder am Portal de Santa Madrona. Sie heiratete einen Künstler namens Joan Pujaló. Die Ehe scheiterte jedoch sehr schnell an „der Lust Enriquetas auf Männer und ihre Besuche in Häusern mit schlechtem Ruf“ (Joan Pujaló im Protokoll zur Trennung), denn Enriqueta ging auch als verheiratete Frau weiter der Prostitution nach. Bei ihrer Verhaftung 1912 lebten die beiden bereits seit 5 Jahren getrennt.

In Barcelona ging sie tagsüber der Bettelei nach, wobei sie Kinder mit sich führte, die sie als ihre eigenen ausgab und nachts prostituierte sie sich oder verkaufte die Kinder an willige Männer auf dem Kinderstrich. Mit ihrer Doppelfunktion als Hure und Kupplerin verdiente sie sehr viel Geld. Sie ging sogar in die Theateraufführungen des Liceus, eine äußerst exklusive Angelegenheit, die in dieser Zeit dem Bürgertum Barcelonas vorbehalten war. Aufgrund dieser Tatsache kam sehr schnell das Gerücht auf, dass sie dort im barcelonesischen Bürgertum einen Großteil ihrer Freier für die Kinder rekrutierte und auch selbst ihre Dienste anbot. Bereits 1909 wurde sie das erste Mal wegen Kinderprostitution verhaftet. In dieser Zeit wohnte sie in einem Haus in der Carrer Minerva. Damals entkam sie aufgrund ihrer bereits vorhandenen guten Kontakte in die gehobene Gesellschaft Barcelonas einer Anklage. Neben ihrer Tätigkeit als Kupplerin war sie auch als „Heilerin“ tätig und stellte Pomaden her, die jegliche erdenkliche Krankheit heilen sollten. Wie sich später herausstellte, war ein wichtiger Anteil zur Herstellung der Pomaden menschliche Organe.

Teresita wurde nach ihrem Auffinden ihren Eltern übergeben. Die kleine Angelita wusste jedoch nicht, wer sie war. Sie erzählte nur, dass Enriqueta ihr immer wieder gesagt hatte, ihr Vater hieße Joan. Enriqueta selber behauptete, es wäre ihre Tochter, wobei bei einer vom Gericht angeordnete ärztliche Untersuchung festgestellt wurde, dass sie niemals ein Kind geboren hatte. Parallel dazu erklärte Joan Pujaló bei einer Befragung nach der Verhaftung seiner Frau, dass er mit ihr keine Kinder habe und Angelita definitiv nicht seine Tochter sei. Aufgrund dieser Beweislast gab Enriqueta zu, das Mädchen als Neugeborenes ihrer Schwägerin entwendet zu haben. Enriqueta war bei der Geburt des Mädchens anwesend und machte ihrer Schwägerin weiß, dass das Kind bei der Geburt gestorben sei und nahm es selber an sich.

Nach Enriquetas Festnahme kamen täglich neue schreckliche Taten ans Licht. Nach der Befragung von Teresita und Angelita wurde nicht nur die Wohnung in der Carrer de Ponent auseinander genommen, sondern auch die vorherigen Wohnorte Enriquetas. Denn was die beiden Kinder erzählten, war schier unglaublich. Angelita erzählte, dass sie, bevor Teresita zu ihr stoß, lange mit einem Jungen namens Pedro zusammengelebt hatte. Doch eines Tages band Enriqueta ihn auf dem Küchentisch, stieß ihm ein Messer ins Herz und verarbeitete seinen Körper in ihren Pomaden und Zaubertränken. Wie ihrem Auftragsbuch zu entnehmen war, waren ihre Pomaden besonders beim Bürgertum äußerst beliebt, die diese für viel Geld erstanden, da sie sich davon wahre Wunder versprachen. Angelita erklärte weiter, dass sich in einem versteckten Zimmer blutige Kleidungsstücke und menschliche Überreste finden ließen. Daraufhin begab sich die Polizei zu einer erneuten Inspektion in die Wohnung in der Carrer del Ponent. Nach einigem Suchen entdeckten sie die doppelte Wand, die bei der ersten Durchsuchung das versteckte Zimmer verbarg. Wie von Angelita vorhergesagt, fand die Polizei neben der blutigen Kleidung auch blutige Messer und menschliche Überreste. Allein in der Wohnung in der Carrer de Ponent wurden menschliche Überbleibsel von mindestens 12 verschiedenen Kindern gefunden.

Darüber hinaus wurde nach weiterem intensiven Suchen ein weiteres Zimmer entdeckt, das sich von der übrigen Wohnung stark unterschied. Das Zimmer war sauber, freundlich eingerichtet und beherbergte ein großes Bett. Später sollte man feststellen, dass sich hier die Freier mit den Kindern vergnügten. In jeder ehemaligen Wohnung (Carrer Tallers, Carrer Picalqués, Carrer Jocs Florals, Carrer Minerva) fanden sich doppelte Wände und versteckte Zimmer und überall wurde die Polizei bei ihrer Suche nach menschlichen Überresten fündig. Nach eingehender Untersuchung stammten diese von Kindern im Alter von 0 bis 14 Jahren. Im Zuge der Ermittlungen wurde auch ein Buch, in dem fein säuberlich die Namen aller Kunden eingetragen waren, die die Dienste Enriquetas, egal welcher Art, in Anspruch genommen hatten. Diese Liste hätte auch das Who is Who Barcelonas heißen können: Bankiers, Ärzte, Politiker, Unternehmer etc. Alle standen sie auf der Liste. Die Polizei verhinderte jedoch die komplette Veröffentlichung dieser Liste. Mit Sicherheit auf Druck derjenigen, deren Namen sich in diesem Buch befanden. Die Bevölkerung war darüber sehr erbost, da sie annahm, dass sich die feine Gesellschaft von ihrer Strafe wieder einmal freikaufte. Die Zeitung ABC schrieb zur Beruhigung der Bevölkerung in einem Artikel, dass es sich bei der Liste um Personen handelte, bei denen Enriqueta Geld erbettelt hätte und die nichts mit den Morden oder einem möglichen Kinderprostituiertenring zu tun gehabt hätten. So wurde der Versuch unternommen, den Skandal abzuschwächen.

Enriqueta wurde nie verurteil. Ihr wurde nicht wie geplant der Prozess gemacht, denn vor Prozessbeginn wurde sie im Gefängnis von Mitinsassinnen ermordet. Böse Zungen behaupten, dass ihre Kunden den Auftrag zu dem Mord gegeben hätten, um zu verhindern, dass während eines möglichen Prozesses doch noch deren Namen ausgeplaudert werden könnten. Enriqueta kann mit Sicherheit als die größte Serienmörderin Spanien bezeichnet werden. Die genaue Anzahl ihre Opfer ist bis heute nicht bekannt. Enriqueta wurde im Massengrab auf dem Montjuïc verscharrt.

 

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