el Santet de Poble Nou

el Santet (1)Der Friedhof des Poble Nou war der erste öffentliche Friedhof, der außerhalb der Stadtmauern Barcelonas errichtet wurde. Kaum vorstellbar, dass er mal vollkommen frei stand, wenn man sieht, wie er heute von Häusern und Straßen umgeben ist. Zuvor wurden die Verstorbenen immer noch direkt neben den Kirchen, sprich, direkt in der Innenstadt neben den Wohnhäusern begraben. Plätze wie die Plaça del Pi oder Sant Josep Oriol waren bis ins 19. Jahrhundert hinein Gemeindefriedhöfe. Abgesehen von der fast 200jährigen Geschichte des Friedhofs und dem alten Teil mit den pompösen Grabstätten des katalanischen Bürgertums liegt auf dem Friedhof ein junger Mann begraben, dessen Grab das mit Abstand meist besuchteste des gesamten Friedhofs ist.

el Santet (4)Dieser junge Mann hieß Francesc Canals Ambrós. Besser bekannt als „El Santet de Poble Nou“, der kleine Heilige des Poble Nou. Seine Grabnische ist das ganze Jahr über mit Blumen geschmückt. Die Nischen um ihn herum sind frei, beherbergen aber Kerzen, Bilder von Menschen jeglichen Alters, Kreuze, Rosenkränze, Votivgegenstände, etc. Seine Nische ist mit Glas verkleidet. Ein kleiner Schlitz am oberen Teil lässt jedoch die Möglichkeit zu, Zettel hineinzuwerfen, auf denen die Menschen ihre Gebete, Wünsche, Sehnsüchte und Schicksalsschläge geschrieben haben. Regelmäßig wird die Glasplatte abgenommen, um die ganzen Zettel zu entfernen, die die Grabplatte verdecken und um wieder Platz zu schaffen, für die vielen weiteren, die folgen werden.

Was ist so besonders an diesem jungen Mann, der im Alter von gerade einmal 22 Jahren verstarb, dass die Menschen des Viertels noch 100 Jahre nach seinem Tod an sein Grab pilgern und ihn so stark verehren?

Viel ist über sein Leben nicht bekannt. Francesc Canals Ambrós wurde 1877 geboren und lebte mit seiner Familie an der Plaça de la Llana im Viertel la Ribera (Bornviertel), wo diese einen kleinen Laden betrieb. Sein Vater war blind. Fransesc arbeitete seit seinem 14. Lebensjahr im Kaufhaus „Grandes Almacenes El Siglo“ an den Rambles. Er starb am 27. Juli 1899 wahrscheinlich an Tuberkulose. Zeit seines Lebens soll er eine sehr hilfsbereite Person gewesen sein. Soweit die dürftige Faktenlage, soweit so unspektakulär.

Nun zu dem Teil, der die Menschen noch heute dazu veranlasst, zu ihm zu kommen. Fransesc soll nämlich über einen sechsten Sinn verfügt haben. Ihm werden viele unglaubliche Dinge zugeschrieben, die sich in seinem Umfeld begeben haben sollen.

  • Er soll in seinen Träumen zukünftige Ereignisse hervorgesehen haben, darunter seinen eigenen frühen Tod.
  • Er soll anderen Menschen ihr Todesdatum vorhergesagt haben können einzig und allein, indem er ihnen in die Augen sah.
  • Er soll den Brand vorhergesagt haben, der 33 Jahre später, im Jahr 1932, das Kaufhaus „Grandes Almacenes El Siglo“ vollkommen zerstören würde.
  • Als Fransesc verstarb, war sein blinder Vater anwesend. Als seine Stunde schlug, soll Fransesc zu seinem Vater gesagt haben „Nimm, ich brauche sie nicht mehr“ und der Vater soll in dem Augenblick, in dem Fransesc seinen letzten Atemzug tat, wieder gesehen haben können.

el Santet (2)Diese Legendenbildung wird noch durch eine weitere Anekdote ergänzt. Durch seine Grabplatte geht ein Riss, der notdürftig mit Fugenkit gefüllt wurde. Die Geschichte dazu besagt, dass, als Fransesc beerdigt wurde, seine Grabplatte am nächsten Tag in der Mitte durch sprang. Seine Familie ließ sie erneuern. Doch die zweite Platte sprang wieder bereits kurz nach dem sie eingesetzt wurde an derselben Stelle. Als die Platte ein weiteres Mal ausgewechselt wurde, soll der Riss vor den Augen der Handwerker an derselben Stelle wie die vorherigen Male aufgetreten sein. Es wurde und wird behauptet, dass die Seele des Santet jedes Mal durch die Platte entweichen wollte. Man beließ es daher dabei und die Platte wurde nur notdürftig geflickt. So ist der Riss auch heute noch zu sehen, wenn er nicht von den vielen Zetteln verdeckt wird. Manche behaupten, wenn man sich nachts der Nische nähert, würde ein Licht aus dem Riss scheinen.

Die ersten, die das Grab aufgesucht hatten, waren seine Arbeitskollegen, die über seine besonderen Fähigkeiten Bescheid wussten und ihn um Beistand baten. Heute kommen die Menschen für ein paar Minuten zu hm. Sie stehen vor seiner Nische in Gedanken versunken und viele hinterlassen ihre Fürbitten.

el Santet (5)Was ist nun dran an den Wundern, die der Santet angeblich noch heute vollbringt? Es gibt nicht viele Zeugen, die aus erster Hand etwas erzählen können. Befragt man die Menschen, die zu Fransescs Grabnische kommen, hört man Geschichten nach dem Stil „die Bekannte einer Freundin meiner Mutter hat mal erzählt, dass…“ Aber der Autor dieses Blogs hatte das Glück, an einem Tag am Grab auf eine Frau zu treffen, die gerade etwas Ordnung an der Nische schaffte. Sie erzählte, dass vor ein paar Jahren Ärzte bei ihr einen bösartigen Tumor in der Brust feststellten, der bereits gestreut hatte. Obwohl sofort mit der Behandlung begonnen wurde, gaben ihr die Ärzte keine guten Prognosen. Ihr Zustand verschlechterte sich und die Ärzte gaben ihr nur noch ein paar Monate. Da sie im Poble Nou wohnt, kannte sie die Geschichte des Santet. In dieser Zeit, als die Ärzte sie bereits aufgegeben hatten, ging sie zum Santet und bat ihn um Beistand. Und ab diesem Zeitpunkt wendete sich das Blatt. Es ging ihr wieder besser, die Behandlung schlug an, der Tumor und seine Auswirkungen konnten bekämpft werden und heute, Jahre später, geht sie zwar regelmäßig zur Nachsorgeuntersuchung, lebt aber beschwerde- und rückfallfrei. Die Frau versicherte mir, dass sie sich sicher ist, dass ihre Ärzte und die moderne Medizin ihr das Leben gerettet haben. Daran gibt es kein Zweifel. Aber sie versicherte im selben Atemzug, dass der Santet ebenfalls seinen Beitrag dazu geleistet hatte, weshalb sie ihn regelmäßig besucht und dafür sorgt, dass sein Grab immer gut gepflegt ist.

el Santet (3)el Santet (6)Die Katholische Kirche hat diesen Volksheiligen natürlich nie anerkannt. Auch wenn Fransesc Wunder getätigt haben soll; von der Kirche wurden diese nie weiter untersucht. Es wäre ihr wahrscheinlich sogar recht, wenn dieser Störenfried endlich in Vergessenheit geraten würde. Den Gefallen werden ihr die Menschen in Barcelona aber nicht tun. Man soll von dieser Geschichte halten, was man möchte. Auch wenn Fransesc keine paranormalen Fähigkeiten zu Lebzeiten gehabt hat, auch wenn er heute keine Wunder vollbringt, auch wenn seine Grabplatte nur aufgrund von feinen Haarrissen im Stein zersprang, auch wenn er nur ein normaler junger Mann gewesen ist, der viel zu früh verstarb, er gibt den Menschen, die zu ihm kommen, ein kleines bisschen Hoffnung in einer schweren Lebensphase. Und wer kann mit Sicherheit sagen, dass nicht doch etwas dran ist, an diesem Santet de Poble Nou, dem kleinen Heiligen des Poble Nou. Der Autor dieses Blogs hat vorsichtshalber auch einen Zettel hinter die Glasscheibe fallen lassen.

4 Kommentare zu „el Santet de Poble Nou“

  1. Hola! Deine Beiträge sind sehr interessant. Weißt du, was genau mit den „Wunschzetteln“ passiert, wenn sie entfernt werden? Wer nimmt sie aus dem Grab und wo werden sie aufbewahrt – oder werden sie ganz unspektakulär entsorgt? Über eine Antwort (gern auch bei facebook oder direkt per Mail) würde ich mich sehr freuen. Adeù, Brigitte

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Brigitte, vielen Dank für deinen Kommentar bezüglich meiner Artikel :-).
      So weit ich weiß, werden die Zettel entfernt, sobald die gesamte Grabplatte bedeckt ist, was sehr schnell passiert. Ich habe bei meinen Besuchen nur einmal die Grabplatte ohne Zettel gesehen, um den berühmten Riss betrachten zu können. Nachdem die Zettel entfernt wurden, um Platz für die neuen zu machen, werden sie meines Wissens ganz simpel im Müll entsorgt. Ohne ein spezielles Ritual.

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