Dansa de la Mort in Verges

Verges Danca de la Mort (8)Verges ist unterm Jahr ein, nun ja, etwas ruhigeres, vielleicht auch verschlafenes Dorf. Die Vergelitaner mögen mir diesen Ausdruck verzeihen. Aber einmal im Jahr verwandelt sich das Dorf in den Schauplatz einer ganz besonderen Tradition, die in Europa einmalig ist und sich nur in Verges erhalten hat. In der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag werden die engen verwinkelten Gassen des Stadtkerns von abgedunkelten Straßenlaternen in schummriges Licht getaucht, Fackeln werfen Schatten an die Häuserfassaden und die Wände der schmalsten Gasse werden mit Schneckenhäusern bestückt, die mit Öl gefüllt und als kleine Lampen genutzt werden. In diesem Ambiente findet eine Prozession in der Stadt statt, die die letzten Tage Jesu Christi von Palmsonntag bis zu seiner Kreuzigung zum Thema hat.

Verges Danca de la Mort (7)Verges Danca de la Mort (2)Obwohl diese Aufführung sehr liebevoll und mit großem Aufwand und Engagement von den Bewohnern der Stadt gestaltet ist und ich sie wärmstens empfehle, stellt eine Prozession an Ostern, die die Kreuzigung darstellt, an sich keine allzu große Besonderheit dar, da zur selben Zeit in mehreren anderen Orten des Landes etwas Ähnliches stattfindet. Was diese Prozession so besonders macht, ist diese uralte Tradition, die ihre Wurzeln im Mittelalter hat. Genauer gesagt, in der Zeit als die Pest in Europa wütete. In der totenstillen Stadt ist während der Prozession nur ein Laut zu hören. Das rhythmische Schlagen einer Trommel. Dies ist das Zeichen, dass sie sich nähert. Eine Gruppe bestehend aus insgesamt fünf Tänzern, zwei Erwachsene und drei Kinder, dem Trommler und drei Fackelträgern: Der Dansa de la Mort, der Totentanz. Die Gruppe trägt Ganzkörperanzüge, auf die ein Skelett aufgedruckt wurde und spezielle Masken in der Form eines Totenschädels. Ihre Optik wird komplementiert durch eine Sense, einem Banner auf dem „lo temps es breu“ steht, die Zeit ist kurz, eine Uhr ohne Zeiger und zwei Teller mit Aschehäufchen. Wir, die Zuschauer, werden mit dem Banner daran erinnert, dass unsere Zeit auf dieser Erde begrenzt ist und kein Mensch dem Tod entkommt. Er schneidet unseren Lebensfaden mit der Sense durch und die Uhr ohne Zeiger steht dabei für die Tatsache, dass es uns faktisch immer und zu jeder Zeit erwischen kann und wir wieder zu Asche werden. Die fünf Tänzer stellen sich während des Tanzes in Kreuzform auf und beginnen ihre makabre Choreographie im Rhythmus der Trommel, beschienen von den Fackeln der drei anderen Skelette, die in absoluter Stille dem Tanz beiwohnen.

Verges Danca de la Mort (4)Verges Danca de la MortDer Gründonnerstag läuft in Verges gewöhnlich wie folgt ab. Gegen 17 Uhr bevölkern plötzlich wie aus dem Nichts römische Soldaten die Gassen des Stadtkerns und defilieren in Formation an den neugierigen Zuschauern vorbei. Das ist ein Spektakel, wenn mehrere Hundert Männer in goldschimmernden Uniformen, roten Umhängen und Sandalen zu verschiedenen Orten der Stadt marschieren, um die Wägen, die an der Prozession teilnehmen werden, bei Vereinen und Gemeinden abzuholen, um sie zum Platz vor der Kirche zu begleiten. Ist dieser römische Aufmarsch abgeschlossen, heißt es erst einmal warten, denn erst gegen 22 Uhr beginnt die Theateraufführung der letzten Tage von Jesus (die Eintrittskarten sollten rechtzeitig schon vorab über die Internetseite erworben werden). Verges Danca de la Mort (6)Dazu werden auf dem Marktplatz mehrere Stuhlreihen um eine Tribüne herum aufgestellt und auf die Häuserfassaden um den Platz herum mit rot-weißen Lichtspielen Totenköpfe projiziert. Die gesamte Einwohnerschaft des Dorfes ist an der Aufführung beteiligt. Sie zeigt den Einzug in Jerusalem am Palmsonntag, das Treffen Jesus mit der Samariterin am Brunnen, das letzte Abendmahl, die Verzweiflung in den Gärten von Getsemani und die Festnahme und Verurteilung durch Pontius Pilatus. Der Dansa de la Mort wird zwischen der Szene des letzten Abendmahls und Getsemani eingebaut. Das ist das erste Mal, dass der Zuschauer dem Tanz an diesem Abend beiwohnen kann.

Auf dem Platz herrscht eine vollkommene Stille. Nur gelegentlich hört man das Klicken eines Fotoapparats. Plötzlich wird diese Stille durch die Trommel unterbrochen und der Dansa de la Mort bahnt sich seinen Weg durch die Menge. Die Gruppe bewegt sich im, durch den Klang der Trommel vorgegebenen Schritt auf die Tribüne zu. An dieser angekommen, gibt der Trommler durch einen Schlag das Zeichen und die fünf Tänzer (Sense, Banner, Uhr und Ascheträger) beginnen mit ihrer Choreographie. Sie dauert nicht einmal eine Minute und doch zieht die Szenerie den Zuschauer in den Bann. Es ist ein Gänsehauterlebnis, das seines gleichen sucht.

Verges Danca de la Mort (5)Verges Danca de la Mort (1)Nach der Szene, in der Jesus verurteilt wird, beginnt die Prozession durch die Gassen der Stadt. Der Jesusdarsteller wird mit dem Kreuz betraut und der Zug, bestehend aus den Teilnehmern der Aufführung und weiteren Gruppen der Stadt, setzt sich in Bewegung. Während die Aufführung Eintritt kostet, ist das Zusehen bei der Prozession kostenlos. Während dem Gang durch die Stadt wird mehrmals an verschiedenen Stellen der Dansa de la Mort aufgeführt und wer sich vorher mit den engen Gassen etwas vertraut gemacht hat, kann mehrmals den Platz wechseln, um der Choreographie zwei bis dreimal beizuwohnen. Ich selber habe dies gemacht, da dieser Tanz, besonders in der Szenerie der dunklen Gassen, ein magisches Erlebnis ist.

Verges Danca de la Mort (3)Die Prozession endet auf dem Kirchplatz mit der Kreuzigungsszene. Dazu werden im Hintergrund Kriegsbilder an die Wand hinter dem Kreuz projiziert, die das Bild der Kreuzigung noch eingänglicher machen. Damit endet die Prozession, der Dansa de la Mort und Gründonnerstag. Keine 15 Minuten nach Ende der letzten Szene wirken die verwinkelten Gassen der Stadt wie leer gefegt. Die gedimmten Straßenlaternen tauchen die nun menschenleeren Gassen in schummriges Licht. Verges wird bis zum nächsten Jahr wieder Ruhe haben, wobei mit Sicherheit hinter den Kulissen bereits an der Inszenierung für das nächste Jahr gearbeitet wird.

Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass seit einigen Jahren der katalanische Sänger Lluis Llach an der Inszenierung mitwirkt. Ihm ist es zu verdanken, dass das Defilee der Römer, die Theateraufführung, der Dansa de la Mort und die Prozession durch neue Kostüme und einer aufwendigeren Inszenierung, wie es z.B. bei der Kreuzigungsszene mit Musikeinspielungen und den Kriegsbildern der Fall ist, einen modernen Anstrich bekam.

 

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